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Samarkand, wie das schon klingt!
Buchara, wie das wohlriecht und duftet!
Ich weiß nicht seit wann, ich weiß nicht warum aber irgendwie
verband ich den Orient schon immer mit diesen Orten…
Eine Reise entlang
der Seidenstraße durch Usbekistan
5. - 22. Juli 2011
Opole im August 2011
für unsere liebe Alfia
„Der Baumeister hat den Bogen so schön und vollkommen errichtet,
dass der ganze Himmel sich vor Staunen in die Finger beißt
und ein neues Himmelszelt zu finden versucht.“
Eine Reise entlang der Seidenstraße durch Usbekistan
In diesem Jahr führte uns der Sommerurlaub an zentrale Orte der historischen Seidenstraße. Pünktlich um 18.35 Uhr hob unser Flugzeug der Turkish Airlines nach Usbekistan ab. Entlang der türkischen Schwarzmeerküste flogen wir zunächst Richtung Kaukasus; wir überquerten die georgische Hauptstadt Tiflis sowie das aserbaidschanische Baku. Östlich des Kaspischen Meeres tauchten wir in den Luftraum Turkmenistans ein und nach kurzer Zeit streiften wir die nördlichen Ausläufer der turkmenischen Hauptstadt Aschgabat. Nach etwa 4½ Stunden Flugzeit erreichten wir das Ziel unseres Fluges. Wir landeten in Taschkent gegen 1 Uhr morgens und da uns unsere Koffer schnell erreichen, konnten wir uns der folgenden Pass- und Zollkontrolle hingeben. Während die Kontrolle von Reisepass und Visa erstaunlich schnell verlief, mussten wir uns erst wieder daran gewöhnen, eine Zollerklärung auszufüllen und alles mitgeführte Geld genauestens zu deklarieren. Bei der Überprüfung meiner Zolldokumente fiel wohl etwas auf und ich musste zu einem weiteren Zollbeamten. Der zuständige Zöllner hielt mir ein Dokument in russischer Sprache vor meine Nase und bat mich höflich aber bestimmt, den Zettel zu unterscheiben. Da ich nicht wusste, was auf dem Beleg stand, fragte ich nach und erhielt die erstaunliche Antwort, dass ich zu viel Bargeld dabei habe und dass das zu unterschreibende Dokument eine Bestätigung für diesen Fakt sei. Nachdem ich meine Euro-Banknoten vorgezeigt hatte, unterschrieb ich den Zettel und passierte den Kontrollbereich. Vor dem Flughafengebäude standen zahlreiche Menschen, die Verwandte und Touristen erwarteten. Auch Alfia, unsere Reiseleiterin für die kommenden 12 Tage, die ich während meines Besuchs auf der Internationalen Tourismusmesse in Berlin bereits kennen lernen durfte, und ihr Ehemann Michail, standen vor dem Ausgang und erwarteten uns mit einem Namenszettel („Martin Cichon +1“; fortan hieß Piotr nur noch „+1“) in der Hand. Nach einer freundlichen Begrüßung fuhren wir gegen 2 Uhr morgens durch die menschenleeren Straßen und Alleen des schlafenden Taschkent bis zum Hotel Usbekistan. Die Stadt machte auf uns einen modernen und sauberen Eindruck. Besonders beeindruckend waren die neuen, repräsentativen Gebäude des unabhängigen Usbekistans. Unser gastfreundliches, aus kommunistischen Zeiten stammende 4-Sterne Hotel lagt am Timur Amur Platz im Zentrum der usbekischen Hauptstadt. Wir bezogen hier ein großzügiges Doppelzimmer im 14. Stockwerk und genossen einen grandiosen Blick auf Teile der Innenstadt. Nachdem wir uns mit Alfia für den kommenden Vormittag verabredet hatten, fielen wir in unsere Betten und träumten von dem, was uns in den nächsten Tagen erwarten sollte.
Fazit des 1. Tages: Merke! Wer zu viel Geld hat, muss warten! Am nächsten Morgen stärkten wir uns zunächst mit einem ausgiebigen Frühstück im Hotelrestaurant und deckten uns danach mit vielen hunderttausend Sơm aus der hoteleigenen Wechselstube ein. Für einen Euro erhielten wir rund 2.400 usbekische Sơm, da jedoch die höchste Banknote 1.000 Sơm beträgt, sprengten wir beinahe den Banksafe. Eine spezielle Falttechnik, jeweils 10 Banknoten á 1.000 Sơm in der Mitte gefaltet und 10 solcher Päckchen mit einem Gummi zusammengehalten, sollten in den nächsten Tagen zwar immer wieder für Lacher bei der einheimischen Bevölkerung sorgen, aber auch für Ordnung in unseren Hosentaschen. Danach begann eine ausgiebige Besichtigung der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Taschkents. Wir begannen am Denkmal für die Erdbebenopfer aus dem Jahr 1966 ganz in der Nähe der deutschen Botschaft. Bei dem verheerenden Beben waren zwar nur wenige Menschen gestorben aber große Teile der Stadt zerstört worden. Zu diesem Zeitpunkt konnten wir uns noch nicht vorstellen, dass dieses Ereignis noch eine besondere Bedeutung für uns bekommen sollte… Taschkent machte auch am Tag einen sehr gepflegten und geordneten Eindruck und die zahlreichen Kanäle der Stadt verliehen ihr auch an heißen Sommertagen ein kühles Flair. Es fiel auf, dass die meisten Autos in Usbekistan weiß waren, was sicherlich mit den hohen Sommertemperaturen zusammenhing und so die Reflektion der Sonnenstrahlung erhöht werden kann. Alfia und Michail brachten uns mit ihrem weißen Daewoo in den nordwestlichen Teil der Innenstadt. Dort befand sich der Hasrati Imom Komplex, eine großzügige Anlage mit der berühmten Barak-Chan-Koranschule (Medrese), der Tilla-Sheich-Moschee sowie dem Mausoleum des Imams Kaffal-Shashi. Besonderen Eindruck machte die kleine Bibliothek des Komplexes, in deren zentralem Raum der Osman Koran aus dem 7. Jahrhundert ausgestellt wurde. Das Koranbuch, welches zu den ältesten und bedeutendsten im Islam zählt wird von zahlreichen Pilgern besucht. Wir verließen die Anlage und fuhren zum nächsten Highlight der Stadt. Alfia nutzte die entstandenen Reisepausen immer wieder, um uns in die Eigenarten und Besonderheiten der usbekischen Kultur und Tradition einzuführen. Schon bald merkten wir, dass alle unsere Fragen nicht nur kompetent sondern auch mit einer notwendigen Portion Humor gewürzt wurden. So erklärte uns Alfia bereits zu Beginn unserer Besichtigungstour, dass traditionelle Frauen in Usbekistan ihren Ehemann selten mit dem Vornamen anreden würden, sondern ihn mit „Hodschajin“ (mein Herr) oder „Dadase“ (Vater meiner Kinder) betiteln. Diese Informationen, die uns oftmals innerlich den Kopf schütteln ließen, halfen uns jedoch die usbekische Gesellschaft besser zu verstehen. Nicht weit vom Hasreti-Imom-Komplex entfernt besichtigten wir die Dschami-Moschee sowie das Innere der bedeutenden Kukeldash-Medrese aus dem 16. Jahrhundert. Trotz der andauernden Schulferien gab uns ein freundlicher Mitarbeiter der Schule Auskunft über den Verlauf der Studien und unsere Reiseleiterin ergänzte das heutige Leben und Arbeiten an der Schule mit einigen blutrünstigen Geschichten aus der Vergangenheit der Koranschule. So wurde das Eingangsportal in ferner Vergangenheit oftmals als Hinrichtungsplatz genutzt und „ehebrecherische“ Frauen und andere Verbrecher in einen Sack genäht und hinuntergestürzt. Unmittelbar hinter den Gebäuden begann der „Chorsu“-Basar der 2,7 Millionen Einwohner zählenden Stadt. Nachdem wir die ersten goldenen Pfirsiche probiert und uns von dem bunten Angebot des Basars überzeugt hatten, erfrischten wir uns mit einigen Bechern Kwas. Michail brachte uns zum Mittagessen in eine typische Teestube und wir probierten verschiedene Spezialitäten der usbekischen Küche. Neben dem unvermeidlichen Nationalgericht Plov, weist die Speisekarte zahlreiche Salate, Schaschlikarten, Hammelgerichte, sauren Weißkäse und Brot auf. Zu Trinken gab es neben grünem Tee auch einheimisches Bier und diverse Weinsorten. Alles sehr lecker, wenn auch oft sehr fett und manchmal auch schwer verdaulich… Besonders ungewöhnlich war für uns eine Begebenheit in der Teestube: Unser junger Kellner fragte Alfia, ob denn ihre Gäste auch Englisch sprächen. Als dies bejaht wurde, erbat er sich die Möglichkeit sein Englisch einmal ausprobieren zu dürfen, da sich ja nicht oft die Gelegenheit ergeben würde Ausländer zu bedienen. Spätestens hier viel uns auf, dass Touristen in diesem schönen Land noch eine Seltenheit, die Menschen jedoch durchaus auf welche vorbereitet sind. Ähnliche Situationen sollten uns auf unserer Reise noch häufiger begegnen… Nach dem Mittagessen fuhren wir zu einem Verdauungsspaziergang in den Alisher-Navoi-Park, der dem usbekischen Nationaldichter gewidmet ist. Dort trafen wir auf eine Gruppe junger Tänzerinnen in Nationaltracht, die in der Gluthitze auf einen eher unbedeutenden Sänger warteten, um vor dem Dichterdenkmal einen Videoclip zu drehen. Die Pause nutzten wir für einige gegenseitigen Fragen und Fotos. Nachdem der Sänger eingetrudelt war, sollte die Produktion des Videoclips nun beginnen, allerdings gab es einige Probleme mit der Stromversorgung und die kulturelle Darbietung verzögerte sich abermals. Dies gab uns die Möglichkeit mit den Technikern ins Gespräch zu kommen. Als Piotr aufgrund seiner Elektrikerausbildung Hilfe anbot, fragte einer der jungen Techniker überrascht, ob man sich als polnischer Elektriker denn eine Reise nach Usbekistan leisten könne. Wir stellten einiges richtig und zogen immer mehr Aufmerksamkeit auf uns. Unser usbekischer Sänger hingegen schwitzte bei 45 Grad in seinem schwarzen Anzug vor sich hin. Um die Aufnahmen nicht weiter in die Länge zu ziehen, verabschiedeten wir uns, machten noch einige Fotos und erhielten von einem Mitarbeiter den Auftrag dem polnischen und deutschen Volk die besten Grüße des Usbekischen zu überbringen… was wir an dieser Stelle gerne tun wollen. Vorbei am Parlamentsgebäude und dem ehemaligen Palast der Völkerfreundschaft, der heute Freiheitspalast heißt, fuhren wir mit der Taschkenter U-Bahn einige Stationen bis zu unserem Hotel. Aufgrund einer latenten Anschlagsgefahr werden Reisende in den Bahnhöfen der Metro immer von Polizei oder Militär kontrolliert. Doch auch hier interessierte man sich eher für unsere Nationalität und wie uns Taschkent gefalle als für die Visa in unseren Pässen. Trotz der schönen Innenausstattung der reklamefreien (!) Haltestellen, dürfen hier keine Fotos oder Filme gemacht werden, da man wohl Angst hat, dass Architektur und technische Ideen geklaut werden könnten. Am Hotel Usbekistan hatten wir uns mit Michail verabredet, der uns gegen 16 Uhr zum Taschkenter Flughafen brachte. Hier checkten wir in einen nigel-nagel-neuen Airbus der nationalen Fluggesellschaft Air Uzbekistan ein und flogen pünktlich um 18.20 Uhr ins gut 1.000 Kilometer entfernte Urgench. Ein Blick aus dem Fenster bestätigte, dass etwa 2/3 des Landes aus Wüsten und Steppen bestehen (und vermeidliche Brandsäulen auf dem Boden entpuppten sich zur Freude einiger Reisenden lediglich als Staubgebilde). Nach etwas mehr als einer Stunde landeten wir wohlbehalten auf dem „International Airport Urgench“. Kurz nach dem Aussteigen bemerkten wir, dass die Temperatur noch um einige Grad höher lag als in Taschkent, trotz des näherrückenden Abends. Wir überquerten die Landebahn des Flughafens zu Fuß und warteten vor dem Abfertigungsgebäudes auf unsere Koffer, da das Innere des kleinen Flughafens für die Passagiere der kurz zuvor gelandeten Maschine aus Moskau reserviert war. In manchen Dingen schien es halt noch eine andere Behandlung zu geben. Schon bald fuhr auf dem Rollfeld ein mit unseren Koffern beladener Kamas-Lkw vor und wir erhielten unser Gepäck ohne langwierige Prozeduren ausgehändigt. Vor dem Flughafengelände wartete bereits unser Fahrer Herr Islom. In seinem (natürlich) weißen, klimatisierten Daewoo fuhren wir in die 30 Kilometer entfernte Wüstenstadt Xiva. Unser Hotel Malika lag gegenüber einem der Eingangstore in die Stadt aus 1001 Nacht und aus unserem Fenster konnten wir die mächtige Stadtmauer betrachten. Einziges Problem stellte die Wasserversorgung in der Stadt dar. Insbesondere wenn 20 deutsche Studiosus-Reisende gleichzeitig eine Dusche oder ein Vollbad nehmen wollen, um den Wüstenstaub herunterzukriegen, konnte es durchaus passieren, dass der Wasserdruck in den Rohren des Hotels etwas nachließ. Nach einer kurzen Verschnaufpause begaben wir uns durch das Ota Darwoze Tor in das Innere der Altstadt von Xiva. Mittlerweile war die Dämmerung der Nacht gewichen und wegen der Backofentemperatur von gefühlten 60 Grad vergeudeten wird keine Zeit, um eine Teestube zu finden, in der wir einige Kleinigkeiten und vor allem ein paar Flaschen Bier zu uns nehmen konnten. Dank Alfia, die uns natürlich auf der ganzen Reise begleitete, konnte dem Verlangen schnell nachgekommen werden. Da die Stadt lediglich an einigen wenigen Stellen beleuchtet war, erhielten wir einen besonders eindrucksvollen Blick in die Lebensweise der Menschen. Mittlerweile hatten wir ein sehr gutes und freundschaftliches Verhältnis zu unserer Reiseleiterin aufbauen können und Alfia erzählte uns an diesem Abend von sich und ihrer Familie. Sie selbst hatte in Taschkent und Berlin Germanistik studiert und sprach ein hervorragendes Deutsch. An dieser Stelle möchten wir Alfia und Michail schon einmal vorab danken, für ihren Sinn für Humor und ihre erfrischende Art mit anderen Menschen umzugehen.
Fazit des 2. Tages: Usbekistan grüßt den Rest der Welt! Am nächsten Morgen frühstückten wir ausgiebig und begaben uns um 9 Uhr auf eine anstrengende aber nachhaltige Besichtigungstour durch Xiva. Wie am Abend zuvor, gelangten wir durch das Westtor in das Innere der Altstadt. Da die komplette Anlage seit 1967 auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO steht und somit einer besonderen Kontrolle unterliegt, muss am Eingang eine Besichtigungsgebühr entrichtet werden. Auch für das Fotografieren wird eine moderate Gebühr erhoben, aber dies alles sollte sich auf jeden Fall lohnen, denn die Eindrücke und Einblicke waren großartig. Direkt hinter der Stadtmauer lag die Medrese Amin Chan mit dem unvollendeten Minarett Kalta Minor, dem Symbol Xivas. Gegenüber liegt die Festung Kơxna Ark, von der man einen fantastischen Blick auf die märchenhafte Wüstenstadt erhält. Spätestens hier fühlten wir uns wie in einer nicht realen Welt. Die restaurierten, sandgelben Gebäude aus dem 16. und 17. Jahrhundert mit ihren himmelblauen Kuppeln und den unzähligen Mosaiken wirkten auf uns einerseits exotisch, andererseits irreal, wie aus einer anderen Welt. In der Siedlung reihen sich Moscheen an Moscheen, Koranschulen an Koranschulen und Mausoleen an Mausoleen. Jeder Herrscher wollte sich in adäquater Form, also jeweils schöner und größer als seine Vorgänger, in der Stadt verewigen. Dies war ihnen auch gelungen und wir mussten auch nach der Rückkehr feststellen, dass wir viel auf unserer Reise gesehen haben, aber nichts, das an die Schönheit der Stadt Xiva heranreicht, ohne Buchara oder Samarkand beleidigen zu wollen. In der Teestube Chaihona Farrukh erfrischten wir uns mit einer Suppe und diversen Salaten, bevor das Besichtigungsprogramm fortgesetzt wurde. Wir besichtigten weiterhin eine Seidenmanufaktur und eine Werkstatt für traditionelle Holzarbeiten. Es folgten weitere Moscheen, Medresen und Mausoleen. Am Ende des Nachmittags durchstreiften wir einige Wohngebiete Xivas und kletterten nochmals auf die Terrasse der Festung, um bei jetzt anderem Licht die Stadtanlage auf Fotos zu bannen. Ein starker Kaffee (hierfür musste erst einmal der Restaurantkellner geweckt werden, der ein kurzen Mittagsschlaf auf dem kühlenden Boden verrichtete) belebte wieder unsere Kräfte und wir bereiteten uns auf das traditionelle Plov-Essen bei Frau Sainab und ihrer Familie vor. Viele usbekische Familien bieten diesen schönen Service an und ermöglichen Touristen einen Blick hinter die oft staubigen Hauswände zu werfen. Man sitzt in den kühlen Höfen ihrer Häuser und erhält für wenig Geld gute Hausmannskost. Ein komplettes 3-Gang-Essen mit Wein oder Bier kosten selten mehr als 8 Euro pro Person. Und so neigte sich unser Aufenthalt in Xiva dem Ende entgegen.
Fazit des 3. Tages: Es gibt 1001 Nacht! Am Mittwoch, den 13. Juli brachen wir bereits gegen 8 Uhr morgens Richtung Buchara auf. Herr Islom erwartete uns vor unserem Hotel in seinem klimatisierten Wagen. Vor uns lagen 350 teilweise quälende Kilometer auf der einzigen Straße zwischen der autonomen Region Karakalpakstan und Buchara. Insbesondere nach der Überquerung des normalerweise gewaltigen aber im Sommer wenig Wasser führenden Amudarja Fluss, informierte uns Herr Islom, dass die schlechte Straße nun zu Ende sei und eine noch schlechtere anfange. Er hatte nicht übertrieben! Rund 80 Kilometer ging es nun parallel zur turkmenischen Grenze auf etwas, was man nur als Buckelpiste bezeichnen kann, Höchstgeschwindigkeit: 20 km/h. Trotzdem hatte die langsame Fahrt etwas Gutes. Wir konnten die Kennzeichen der LKWs, die wir überholten, besonders gut entziffern. Über diese Straße läuft der gesamte Fernverkehr, der Europa derzeit mit Afghanistan verbindet. Zahlreiche Hilfsgüter für die leidende Bevölkerung des vom Krieg gezeichneten Landes und so mancher Nachschub für die dort stationierten Soldaten, werden über usbekische Straßen transportiert, erstaunlich! Da die Wüstenlandschaft nach einiger Zeit doch etwas ermüdend wirkt, unterhielt uns Herr Islom mit russischem und usbekischem Liedgut aus seinem mp3-Player. Die Texte übersetzte uns freundlicherweise Alfia und so brachten wir in Erfahrung, dass es neben sehr schöner klassischer usbekischer Musik (Sherali Jơrayev) auch moderne russische Männermusik gibt, deren Textinhalte sich uns Europäer nur schwer erschließen ließen, trotz der brillanten Übersetzung von Alfia. Gegen 14 Uhr erreichten wir eine kleine Wüstenteestube, in der wir Suppe und Somsa (dreieckige Teigtäschchen mit Kartoffel- und Zwiebelfüllung) aßen. Nach einer neun stündigen Autofahrt zwischen Kyzylkum- und Karakum-Wüste, erreichten wir am frühen Abend endlich Buchara. Das Hotel Amelia lag am Rande der Altstadt in einem ehemaligen jüdischen Kaufmannshaus. Der Besitzer des Hauses begrüßte uns herzlich und wir bezogen unsere individuell gestalteten Zimmer. Die Innenstadt lag in einem zauberhaften Licht als wir die wichtigsten Gebäude auf einem kurzen Bummel besichtigten. Während eines violett farbigen Sonnenuntergangs und der grün erleuchteten Medrese nahmen wir ein Abendessen (Rinder-Schaschlik mit Salat) in der Teestube am Labi-Hauz-Teich im Zentrum Bucharas ein.
Fazit des 4. Tages: Russische Sänger leben gefährlich! Aber kehren wir nach Buchara zurück. Unser Frühstücksraum lag in einem benachbarten Gebäude und war ein innenarchitektonischer Traum. Der rekonstruierte Raum stammte aus dem 18. Jahrhundert und wies zahlreiche geschmackvolle Wanddekors auf, die man auch in einem Schloss hätte finden können. Nach einem täglich wechselnden Frühstück mit lokalen Spezialitäten, begaben wir uns auf eine weitere Besichtigungstour, die zum größten Teil zu Fuß zurückgelegt werden konnte, da die bedeutenden Sehenswürdigkeiten im Zentrum der Altstadt von Buchara lagen. Nahe einem Vergnügungspark lag das Samaniden-Mausoleum aus dem frühen 10. Jahrhundert. Nirgendwo in Zentralasien findet man heute noch ein so prächtiges und geometrisch überzeugendes Gebäude aus vorarabischer Zeit. Die Samaniden waren in dieser Region so bedeutend, dass die tadschikische Währung (Somoni) nach ihnen benannt ist. Entlang der Stadtmauer des antiken Buchara gelangten wir auf den Platz vor der Stadtfestung Arq. Die mächtigen Mauern der Zitadelle zeugen noch heute von der Macht des Khanats von Buchara und seinen herrschenden Emiren, obwohl das Innere des Gebäudes eher schlicht ausfällt, was jedoch daran liegen könnte, dass die Bolschewiken 1920 das Werk von Jahrhunderten tüchtig zerstört hatten. Am gegenüberliegenden Ende des Registan Platz, hinter einem kleinen Teich, lag die Moschee Bolo Hauz mit ihren hölzernen Säulen und den Stalaktitenkapitellen. Unsere mittägliche Kleinigkeit nahmen wir in der naheliegenden Teestube ein. Nach der Mittagspause konzentrierten wir uns auf die Gebäude in der Altstadt von Buchara. Zunächst besichtigten wir die jüdische Schule von Buchara und hatten das Glück einige Worte mit der derzeitigen Direktorin wechseln zu können. Bis zum heutigen Tag leben noch zahlreiche jüdische Familien in der Stadt, die ehemals ein Zentrum des asiatischen Judentums gewesen ist. Wir querten nochmals den zentralen Platz, an dem wir den letzten Abend verbracht hatten und warfen einige Blicke auf die Medresen Devon Begi und Kukeldash, schlenderten durch den Basar der Geldwechsler bis zur Moschee Magoki Attori, die tiefer als das heutige Straßenniveau liegt. Vorbei am Basar der Mützenmacher, zu den Medresen Ulug´bek und Abdulasiz Khan steigerte sich die Kunstfertigkeit der Architekten Bucharas. Höhepunkt jedoch waren die Gebäude der Medrese Mir-i-Arab, der Moschee Kalon sowie das dazu gehörige Minarett, das das Wahrzeichen der Stadt ist und wegen seiner Größe für die Karawanen auch als Leuchtturm genutzt wurde. Besonders am Nachmittag lag der Platz zwischen den drei Gebäuden in einem zauberhaften Licht. Die Medrese gehört bis heute zu den einflussreichsten Schulen in der islamischen Welt und der Innenhof der Freitagsmoschee fasst bis zu 10.000 Gläubige. Es genügen keine Worte um diese architektonische Schönheit zu beschreiben. Auf dem Platz trafen wir zwei polnische Motorradfahrer, die bereits mehrere Wochen durch Russland und Zentralasien unterwegs waren. Ihre schweren Maschinen öffneten ihnen anscheinend so manche Grenze, denn sie waren ohne die nötigen Visen aufgebrochen. Am Abend besuchten wir in der Medrese Nadir Devon Begi eine traditionelle Tanzveranstaltung mit Livemusik, Modenschau und Abendessen.
Fazit des 5. Tages: Auch ohne Visum kommt man weiter! Den nächsten Vormittag verbrachte ich mit Alfia allein, denn Piotr hatte es dann doch erwischt. Hatten wir uns noch einen Tag zuvor über die Durchfallerkrankungen anderer Reisender lustig gemacht, lag der Arme selber flach. Vielleicht hätte er das Softeis am Vorabend doch nicht essen sollen. Dank usbekischer Lewomizitin- und Furazolidon-Tabletten konnte jedoch das Schlimmste verhindert werden und so beschränkten sich die Toilettenbesuche auf ein erträgliches Maß. Auf dem Programm stand zunächst die kleine Chor-Minor-Moschee, deren Stifter ein reicher turkmenischer Händler mit vier schönen Töchtern war. Um diesen Fakt zu unterstreichen ließ er vier Minarette errichten, deren blaue Kuppeln in der Sonne glänzten. Weiter ging es zur Grabstätte des Sufi-Orden-Begründers Bahauddin Naqshbandi. Dieses islamische Heiligtum wird von zahlreichen Pilgern besucht und besonders ältere Frauen kreisen dreimal um den alten Maulbeerbaum in hinteren Teil der Anlage, damit ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Der letzte Programmpunkt am Vormittag war die Besichtigung der ehemaligen Sommerresidenz der letzten Emire von Buchara. Das Gelände am Rande der Stadt wurde in den Wirren der Revolution von 1920 stark zerstört, allerdings konnten Teile wieder ansehnlich gemacht werden, so dass sich ein Besuch sicherlich lohnt. Zu den Highlights gehören die Empfangshalle, das Schlafzimmer, der Teesaal, das Gästehaus sowie der unvermeidliche Harem. Auf dessen Aussichtsterrasse saß der Legende nach der Emir mit Scheherezade und sie erzählte ihm 1001 Nacht lang Geschichten, bis er sie frei ließ. Vor dem Harem befand sich ein Teich, indem die Damen abends auf ihren Gebieter warteten, und weil es so viele waren, und der Emir sich oftmals nicht entscheiden konnte, mit welcher der Frauen er die Nacht verbringen wollte, warf er von der bereits erwähnten Aussichtsterrasse einen Apfel in den Teich mit den darin schwimmenden Haremsdamen. Diejenige, die den Apfel fing hatte das Glück zum Emir vorgelassen zu werden. Am Nachmittag stieß Piotr wieder zu uns und wir verbrachten einen ruhigen Nachmittag im Silk Road Spicies Teahouse. An dieser Stelle soll darauf verwiesen werden, dass der Begriff „Seidenstraße“ eigentlich eine Erfindung des deutschen Geografen Freiherr von Richthofen aus dem 19. Jahrhundert ist. Niemals zuvor hatte man für die verschiedenen Karawanenwege, auf denen unterschiedliche Waren, und beileibe nicht nur Seide, von China über Zentralasien in den vorderen Orient und nach Europa über den Landweg transportiert wurden, den Begriff Seidenstraße benutzt. Mittlerweile hat sich dieser Begriff jedoch in allen Sprachen als Markenzeichen eingeprägt. Eine Kleinigkeit zum Abend nahmen wir in der Teestube am Labi Hauz ein.
Fazit des 6. Tages: Wer über andere lacht, braucht sich über Spott nicht zu beklagen! Am nächsten Tag brachen wir nach dem Frühstück in Richtung Shahrisabz, dem Geburtsort des usbekischen Nationalhelden Amir Timur, auf. Die Landschaft war nicht mehr so eintönig wie zwischen Xiva und Buchara und auch die Straßen waren wesentlich besser. Gegen Mittag erreichten wir den zentralen Platz in der Stadtmitte, der mit zahlreichen Brautpaaren und ihren Hochzeitsgästen bevölkert war. Wie schon in Buchara fielen wir als europäische Touristen häufig auf und wurden gefragt, ob man ein Foto von uns oder mit uns machen dürfe. Natürlich willigten wir jedesmal ein und kamen so ebenfalls in den Besitz von vielen schönen Aufnahmen von Einheimischen. Neben dem Denkmal von Amir Timur befinden sich auf dem Platz auch die Überreste von Timurs Herrscherpalast Aksarai, von dem lediglich die eindrucksvollen zwei Eingangspylonen übriggeblieben sind. Ihre Ausmaße ließen jedoch vermuten wie groß das gesamte Gebäude gewesen sein musste. Von der Aussichtsplattform hatte man einen weiten Blick in die Umgebung der in der Mittagshitze flimmernden Stadt. Im südöstlichen Teil der historischen Stadtanlage befanden sich die Freitagsmoschee Hasreti Imom, die Kơk Gumbaz Moschee, das Mausoleum für Dschahongir, den ersten Sohn Timurs, sowie die Gruft, die für Timur selbst vorgesehen war. Nach der Besichtigung begaben wir uns auf den Weg nach Samarkand. Bereits wenige Kilometer hinter der Stadtgrenze von Shahrisabz gelangen wir in die Ausläufer des Pamir-Gebirges, das aus Tadschikistan kommend hier bis nach Usbekistan reicht. Kurz vor dem Tachtatscharitscha Pass auf 1.788 Meter kehrten wir in der Teestube zu den Tausend Ulmen ein, um eine Portion Hammelfleisch mit Nudelsuppe zu probieren. Nach dem gemeinsamen Essen holten wir einmal tief Luft und fuhren weiter Richtung Samarkand. Am späten Nachmittag erreichten wir die zweitgrößte Stadt Usbekistans. Unser Hotel Malika Prime lag unweit der prächtigen Universitätsallee mit ihren dichten, grünen Bäumen. Ein kurzer Spaziergang in der lebhaften Stadt führte uns natürlich zuerst zum berühmtesten Platz ganz Zentralasiens, den Registan von Samarkand. Für den Abend kauften wir ein Fläschchen Wodka, eine paar polnische Kekse und ein Tütchen Chips. Der Supermarkt bot alles, was ein europäischer auch bieten kann, allerdings schockierten uns die Preise. Zumeist lagen sie über denen in Polen oder Deutschland und wir fragten uns, wie die Menschen bei wesentlich geringerem Einkommen, zurecht kämen. Alfia erzählte, dass die Preise auf den Basaren zwar etwas günstiger seien, aber grundsätzlich viel Geld für Nahrungsmittel ausgegeben werden müsse. Den Abend verbrachten wir auf der Dachterrasse unseres Hotels mit zahlreichen Gesprächen zu unterschiedlichen Themen, denn wir hatten mittlerweile einen richtig guten freundschaftlichen Kontakt zueinander aufbauen können.
Fazit des 7. Tages: Usbekistan besteht nicht nur aus Wüste Am folgenden Tag widmeten wir uns zunächst dem Registan und seinen drei Medresen mit ihren gewaltigen Portalen. Die Koranschule Ulug’bek aus dem 15. Jahrhundert, die Koranschule Schir-Dar aus dem 16. Jahrhundert und die Koranschule Tella-Kari aus dem 17. Jahrhundert gehören zum Weltkulturerbe der UNESCO und bilden das ehemals geistige Zentrum der Stadt. Heute ist der Platz unbestritten die Hauptsehenswürdigkeit Zentralasiens. Das Innere der drei Gebäude sowie ihre Innenhöfe lassen sich besichtigen und gehören zu den architektonisch perfektesten Gebäuden in ganz Usbekistan. Nördlich an den Registan grenzt eine neugestaltete Fußgängerzone mit zahlreichen Souvenirgeschäften, die die drei Medresen mit der Bibi-Chanim-Moschee und dem Samarkander Basar verbindet. Nach einem Besuch der Markthalle trafen wir Herrn Islom wieder, der uns zu einer typischen Teestube in seiner Heimatstadt brachte. Hier gab es eine sehr fette Suppe und eine noch fettere Hauptspeise aus Hammelfleisch, dazu saure Dickmilch, verschiedene Salate und zur Verdauung ein Gläschen Wodka. Nach dem Essen besuchten wir die Überreste der Sternwarte des Timur Enkels Ulug`bek. Unweit des Observatoriums lag das Mausoleum des in allen drei monotheistischen Religionen verehrten Hadschi Danijar; bei uns besser bekannt als Heiliger Daniel. Der mehrere Meter lange Reliquienschrein (man glaubt, dass die Gebeine des Heiligen weiter wachsen) muss von den Pilgern dreimal umrundet werden, damit Wünsche in Erfüllung gehen. Vor dem Mausoleum steht ein wundertätiger Pistazienbaum, der von russischen Pilgern gegen den Uhrzeigersinn umrundet wird. In der Nähe dieser heiligen Orte liegt das antike Samarkand, das vor mehr als 2750 Jahren gegründet wurde und den Namen Afrasiab trägt. Dieses etwa 200 ha große Gelände wird seit langen Jahren von Archäologen erforscht und es wird nicht ausgeschlossen, dass man in der Zukunft Belege findet, die das Alter der Stadt noch weiter in die Vergangenheit datieren. In dem Museum auf dem Gelände lassen sich zahlreiche Exponate aus zoroastrischer, also vorislamischer Zeit bewundern, zu denen auch die erhaltenen farbigen Palastfresken gehören. Am Nachmittag spazierten wir ziellos durch die Stadt und besichtigten die russisch-orthodoxe Aleksej Kirche. Im Inneren der Kirche trafen wir eine Familie, deren Söhne uns auf Englisch ansprachen. Die überaus nette Familie hatte mit einer interessanten Familiengeschichte aufzuwarten, die sehr typisch für die ehemalige Sowjetunion war. Während des Stalinismus wurden unterschiedliche Völkergruppen aus verschiedenen Gründen aus ihren angestammten Regionen vertrieben, deportiert, umgesiedelt und in anderen, für ihre Lebensbedingungen nicht immer vorteilhaften Landesteilen angesiedelt. Das führte mit der Zeit zu einer starken Durchmischung der sowjetischen Völker und auch Zentralasien wurde von diesen ethnischen Vermischungen nicht verschont. Vordergründung sollte dies den Zusammenhalt und die Toleranz zwischen den Menschen fördern, bei genauerer Betrachtung wollte man sich oftmals unbequemer Gruppen entledigen und verfrachtete sie in eher unwirtliche Gebiete des Riesenreichs. So auch bei dieser Familie, die teilweise einer Tartarensippe entstammte, die sich mit Russen vermischte, aber seit Jahrzehnten im usbekischen Samarkand lebten. Die Großmutter jedoch war im polnischen Przemyśl geboren und sprach ukrainisch. Ihre Enkel hatten einen usbekischen Pass, in dem als Nationalität die Russische eingetragen war und der jüngste von ihnen trug den deutschen Vornamen Erwin. Solche „vermischte“ Menschen trafen wir viele auf unserer Reise. Und auch unser Herr Islom, der uns sicher durchs Land chauffierte, besaß zwar einen usbekischen Pass, sprach jedoch neben Russisch und Usbekisch auch seine eigentliche Muttersprache Tadschikisch, da er aus einer tadschikischen Familie in Samarkand stammt. Dass dieses Menschenmosaik nicht nur positive Seiten mit sich bringt, musste die usbekische Minderheit im benachbarten Kirgisien im Jahr 2010 erleben, als kirgisische Jugendbanden durch die Grenzstadt Osh zogen und wahllos Angehörige der usbekischen Minderheit mordeten. Ein Krieg konnte nur durch das besonnene Verhalten des usbekischen Präsidenten Islom Karimov verhindert werden. Aber auch der Blick in andere Regionen der ehemaligen Sowjetunion, zum Beispiel den Kaukasus, zeigt wie schwierig das Miteinander in den neuen, unabhängigen Staaten geworden ist. So werfen die Sowjetunion und insbesondere der Stalinismus auch 20 Jahre nach der Unabhängigkeit der ehemaligen Unionsrepubliken ihren langen Schatten auf die Menschen und Länder. Den Abend verbrachten wir wieder auf unserer Dachterrasse und beobachteten die anderen deutschen Touristen, die den zweiten Abend in Folge den Mond über Samarkand fotografierten.
Fazit des 8. Tages: Die Schatten der Geschichte sind immer noch lang! Ein weiterer Tag in Samarkand. Am Morgen wieder ein Höhepunkt. Endlich. Das Mausoleum „unseres“ Helden, der uns schon seit unserem ersten Tag in Usbekistan begleitete, wenn wir aus unserem Hotelfenster in Taschkent schauten oder in Form von 500 und 1.000 Sơm Scheinen in unseren Geldbündeln: Amir Timur. Neben unserem Hotel stand das mächtige Gur Emir Mausoleum in dessen Innerem sich zahlreiche Epitaphen und Gräber aus der Timuriden-Epoche befinden, neben Timur auch sein Enkel Ulug‘bek. Nach der Besichtigung brachte uns Herr Islom in eine Papiermanufaktur, die ähnlich der in Xiva, mit Geldern aus der UNESCO dieses alte Handwerk lehrte und erhielt. Aus Maulbeerbaumrinde wurde hier in einem aufwendigen Prozess sogenanntes Seidenpapier produziert. Am Ende der Besichtigung konnte man das Papier im Laden erwerben. Nach einigen Tassen Tee fuhren wir wieder in die Innenstadt zurück und hielten an der berühmten Samarkander Gräberstraße, die sich am südlichen Abhang des antiken Afrosiab erstreckt. Wer dreimal die Gräberstadt als Pilger beschreitet, hat eine der Kardinalpflichten eines jeden Moslems erfüllt, nämlich die Hadj nach Mekka. Die Urzelle der Anlage ist das Mausoleum des Märtyrerheiligen Qusan Ibn Abbas, einem Vetter des Propheten Mohammet, der hier im 7. Jahrhundert in einer Schlacht das Leben verlor, der Legende nach jedoch soll er mit seinem abgeschlagenen Kopf in einen Brunnen gestiegen sein und seitdem im Untergrund der Nekropole weiter leben. Entlang der Gräberstraße liegen unzählige Mausoleen und Moscheen aus unterschiedlichen Zeiten, die in ihrer Pracht den Tod negieren sollen. Hinter dem historischen Friedhof, liegt der aktuelle Gottesacker, auf dem zahlreiche berühmte und reiche Samarkander in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Mächtigen, Heiligen und Märtyrern bestattet liegen. Jetzt mussten wir erst mal eine Kleinigkeit essen. Nach den fetten Hammelbraten der letzten Tage, wollten wir wieder etwas Leichteres zu uns nehmen, Hühnchen vielleicht. Herr Islom fuhr uns in ein sehr elegantes Restaurant im Stadtzentrum, das für sein in Butter gebratenes Huhn berühmt war. Normalerweise wartete er oder aß mit uns im gleichen Restaurant. Nur heute nicht. Er lieferte uns ab und bat Alfia ihn anzurufen, wenn wir seine Dienste wieder brauchten. Wahrscheinlich besuchte er seine zweite Frau. Ja, in Usbekistan dürfen Männer zwei Frauen haben. Man(n) geht zu einem Imam, legt seine Finanzen offen, jammert ein bisschen herum und erhält die Erlaubnis sich eine zweite Frau, na sagen wir mal…, „zu halten“. Das ist zwar staatlich nicht anerkannt, aber man toleriert diese Tradition von Staatswegen. Eine offizielle Erklärung, die zwar etwas fadenscheinig auf uns wirkte, war die Folgende: Da Usbekistan mehr Frauen als Männer hat und da Frauen ja auf Männer angewiesen sind, gibt es diese sehr soziale Regelung. Die Männer haben aber auch die Pflicht, ihre Zweitfrau und ihre minderjährigen Kinder finanziell zu versorgen, die Miete zu zahlen und dafür zu sorgen, dass der Kühlschrank immer voll ist. Ein teures Vergnügen. Offiziell weiß übrigens Herrn Isloms Erstfrau nichts von ihrer Konkurrenz. Vielleicht will sie es ja auch gar nicht wissen und ist auch ganz froh, dass er nicht immer zu Hause ist, oder hält sich auch einen Zweitmann. Nach unserem Mittagessen war er jedenfalls wieder da und fuhr uns in unser schönes Hotel. Am Nachmittag bewegten wir uns mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt. Sehr praktisch organisiert sind die Buslinien. Neben den zahlreichen Sammeltaxis, die überall verkehren, gibt es natürlich auch städtische Busse. An jeder Haltestelle springt ein Junge heraus und ruft für die Wartenden die Linienroute mit den kommenden Haltestellen aus. Ihm drückt man auch zu Beginn oder beim Aussteigen 400 Sơm für die Fahrt in die Hand. Zurück zum Hotel spazierten wir nicht entlang der Hauptstraße sondern durch die staubigen Straßen der angrenzenden Wohnviertel, wo die Kinder fröhlich vor den Häusern spielten. Als einige Kinder, die auf einem selbstgebastelten Grill einige Kartoffeln rösteten, uns bemerkten, kam einer auf uns zu, zeigte uns die Kartoffeln und sagte: „Hallo, das ist unser usbekischer McDonald’s“. Ein anderer fragte, woher wir denn kämen. Wir sagten aus Deutschland und Polen. Sofort packte er seine drei Brocken Deutsch aus: „Guten Tag, Auf Wiedersehen, Deutschland“, lachte und verschwand in einem Innenhof. Am Abend fuhren wir in einen Stadtteil von Samarkand, um bei einer tadschikischen Familie unser Abendessen einzunehmen.
Fazit des 9. Tages: In Usbekistan gibt es mehr Frauen als Männer oder die Ethik des Seitensprungs! Gegen Mittag des nächsten Tages erreichten wir wieder Taschkent. Nachdem wir unsere Koffer abermals im Hotel Usbekistan eingecheckt hatten, diesmal im 15. Stock, fuhren wir zum Taschkenter Fernsehturm und genossen den Blick auf die Metropole von der 100 Meter hohen Plattform. Hier verabschiedeten wir uns von unserem Fahrer Herrn Islom, der uns erstaunlich cool durch den usbekischen Verkehr fuhr und uns so manchen Einblick in das Leben usbekischer Männer gewährte. Rahmat und nochmals Rahmat dafür. Weiter spazierten wir rund um den Unabhängigkeitsplatz, vorbei am Mahnmal des unbekannten Soldaten, dem Unabhängigkeitsdenkmal, dem Senat und dem Finanzministerium. Zum Hotel zurück fuhren wir mit der Metro. Am Abend holten uns Alfia und ihr Mann Michail wieder ab. Über die unterschiedlichen Völker in Usbekistan haben wir ja bereits an anderer Stelle geschrieben. Nun noch ein Nachschlag. Nördlich von Taschkent liegen einige Dörfer, in denen Koreaner leben. Sie wurden während des Zweiten Weltkriegs aus ihren angestammten Regionen im Grenzgebiet zwischen Russland, China und Korea nach Zentralasien evakuiert. Und hier leben sie seitdem. Besonders ausgefallen sind einige Gerichte, die sie in ihren Restaurants anbieten. So bestellte Michail eine Spezialität, über die wir in Europa die Nase rümpfen würden: Hundesuppe und Hundefleisch mit Gemüse! Tatsächlich schmeckten die Gerichte richtig gut und unterschieden sich nur wenig von Rind- oder Entenfleisch. Da wir am nächsten Morgen zu unserem Trekking in die Berge aufbrechen wollten und noch etwas zu essen brauchten, kauften wir auf der Rückfahrt zum Hotel noch einige Lebensmittel in einem großen Supermarkt ein. Nachdem wir uns von unseren Gastgebern für den Rest des Abends verabschiedet hatten, gingen wir noch ein Bier trinken und fielen schon bald, abgefüllt mit den Eindrücken der vergangenen Tage, in unsere Betten. Fazit des… Halt! Gegen halb Zwei nachts rüttelte uns ein Erdbeben der Stärke 6,2 aus dem Schlaf. Da das Epizentrum gut 200 Kilometer an der Grenze zu Kirgistan lag, waren die Erschütterungen nicht ganz so stark, aber stark genug um uns im 15. Stock durcheinander zu wirbeln. Was macht man in einem solchen Moment? Bewahrt man Ruhe und hofft, dass die Erdstöße schwächer werden oder wagt man sich über das Treppenhaus vor das Hotel, aus Angst vor stärkeren Beben? Und was macht man, wenn das erdbebensichere Gebäude doch nicht hält? Ist es dann nicht besser man befindet sich auf dem Trümmerberg und nicht irgendwo zwischen dem 4. und 5. Geschoss? Fragen, über die man sich nie Gedanken macht in einem erdbebensicheren Land wie Polen. Wir entschieden uns im Zimmer zu bleiben. Zumal die Stöße zwar noch spürbar aber immer schwächer wurden. An Schlaf war jedenfalls nicht mehr zu denken.
Fazit des 10. Tages: Es kommt immer anders als man denkt! Am nächsten Morgen saßen die meisten Hotelgäste ziemlich verschlafen an ihren Tischen und kippten massenweise Kaffee in sich hinein. Auch wir waren ziemlich kaputt. Und als Alfia und Michail zu uns stießen, erfuhren wir Genaueres zum Erdbeben. Die meisten Bewohner ihrer Siedlung verbrachten die Nacht im Freien und nur Michail konnte seine Frau davon abhalten desgleichen zu tun. Wie viele Menschen zu Tode kamen und wie viele ihr Obdach verloren hatten, erfuhren wir aus dem deutschen Fernsehen. Es gab nur noch ein Thema! Wir ließen uns jedoch nicht davon abbringen zu unserer Wandertour in die Berge zu fahren. Etwa 70 Kilometer nördlich von Taschkent beginnt der einzige Nationalpark Usbekistans inmitten des Tien-Shan-Gebirges. Gegen Mittag erreichten wir unsere Unterkunft und trafen uns mit unserem Bergführer Wolodiya. Um einen Überblick über die Umgebung zu erhalten, fuhren wir zunächst mit einem Sessellift auf 2.700 Meter. Von der Bergstation blickten wir auf die Grenze Kasachstans vor uns und die Grenze Kirgisiens hinter uns. Nach der Rückkehr begannen wir eine etwa fünfstündige Bergwanderung durch das Tien-Shan. Halbwilde Pferde und Rinder kreuzten unsere Route. Kühlende Bergbäche konnten den gröbsten Staub von uns nehmen und süße Äpfel löschten den ärgsten Durst. Nach gut 20 Kilometer kehrten wir erschöpft zu unserem Ausgangspunkt der Wanderung zurück. Später erwartete uns ein typisch russischer Grillabend mit Schaschlik und Wodka und der erste kalte Abend seit zwei Wochen…
Fazit des 11. Tages: Endlich entspannen! Nach dem Frühstück packten wir unsere Sachen zusammen, verabschiedeten uns von Wolodiya und fuhren zu einem großen Stausee in der Nähe der Stadt Charvak. Von hier waren es nur noch 60 Kilometer bis nach Taschkent. Gut eine Stunde später erreichten wir wieder unser Hotel und machten uns langsam mit der Tatsache vertraut, dass es unser letzter Tag in Usbekistan war. Wir nutzten den Nachmittag für einige letzte Einkäufe und fuhren ein letztes Mal mit der Taschkenter U-Bahn, bevor wir unsere Koffer packten und am Abend nochmals mit unseren Gastgebern… nein, Freunden, denn das waren sie mittlerweile geworden, in einem türkischen Restaurant zu Abend aßen. Allerletzte Eindrücke einer wunderbaren Reise erhielten wir bei einer bunten Lichtschau vor dem Taschkenter Dramentheater. In der Nacht holten uns Alfia und Michail vor unserem Hotel ab und brachten uns zum Flughafen. Wir verabschiedeten uns von den beiden, die uns ihr Land in den letzten 12 Tagen so nahe gebracht haben, dass es uns schwer viel wieder nach Hause zu reisen. Nach den obligatorischen Kontrollen saßen wir gegen 4.30 Uhr an der Flughafenbar und tranken einen letzten Tee, bevor unser Flieger pünktlich um 5.55 Uhr in den morgendlichen, natürlich wolkenlosen usbekischen Himmel abhob und uns wieder nach Istanbul brachte. Nach eineinhalb Stunden startete unser Weiterflug nach Polen und um 13 Uhr Ortszeit landete unsere Maschine wieder am Warschauer Flughafen. Wir hatten Glück und erwischten einen frühen Zug nach Opole, so dass wir genau um 19 Uhr wieder zu Hause waren.
Fazit des 12. Tages: Danke Alfia! Danke Usbekistan! Wir kommen wieder! Hinter uns liegen 12 bewegende Tage. Die Eindrücke, die wir von Usbekistan und seinen Menschen mitgenommen haben, haben wir vor allem unserer lieben Alfia zu verdanken. Sie hat unsere Bedenken, Ängste und Vorurteile, die wir bis zum 11. Juli 2011 hatten, völlig zerstört. Und jeder, der noch Zweifel hat, sich auf eine ähnliche Reise zu begeben, dem können wir nur empfehlen über seinen eigenen Schatten zu springen und die Menschen in Usbekistan und ihre reiche und einzigartige Kultur kennen zu lernen. Vielen Dank für alles!
Martin und Piotr
Samarkand, wie das schon klingt! Buchara, wie das wohlriecht und duftet!
Jetzt weiß ich, warum ich schon immer hierher wollte… |